Das Sokotra-Archipel
Das Sokotra-Archipel (auch als 'Socotra' geschrieben), das politisch zum Jemen gehört, liegt an der Verbindung zwischen dem Golf von Aden und dem Hauptbecken des Indischen Ozeans bei N 12°06’-12°42’ und E 52°03’-54°32’ (Miller und Morris 2004), direkt östlich des Horns von Afrika (Abb. 1). Es gehört somit ökologisch, kulturell und politisch zur weiteren arabischen Region.
1 ZAJONZ, U. (2022). Kumulative Dissertationsschrift (PhD Dissertation), Universität Rostock. Coastal Fishes of the Socotra Archipelago – Diversity and Biogeography.
Geografie und Klima
Das Archipel misst etwa 250 km in der Länge und umfasst vier Inseln: Sokotra, Abd al-Kuri, Samha und Darsa, sowie zwei felsige Inselchen, Kal Farun und Sabuniyah (Abb. 1-2). Die westlichste Insel Abd al-Kuri ist von der somalischen Küste durch die sogenannte Sokotra-Passage getrennt, einem Graben von 910 m Tiefe und nur 105 km Breite. Eine Entfernung von 380 km und eine Tiefe von über 4.000 m quer durch den Golf von Aden liegen zwischen dem Archipel und Ras Fartak, dem nächstgelegenen Punkt auf dem jemenitischen Festland (Beydoun und Bichan 1970; Fischer, Schott und Stramma 1996; Cheung und DeVantier 2006). Sokotra, die Hauptinsel des Archipels, hat eine maximale Länge von 133 km, eine maximale Breite von 43 km und bedeckt eine Fläche von etwa 3.600 km², womit sie nach Madagaskar die zweitgrößte Insel im westlichen Indischen Ozean (WIO) ist. Mit einer Fläche von 162 km² ist Abd al-Kuri die zweitgrößte Insel der Gruppe, gefolgt von Samha mit 41 km² und Darsa mit nur 17 km² Fläche. Samha und Darsa sind auch als „die Brüder“ bekannt (Cheung und DeVantier 2006). Sie teilen sich eine flache geologische Plattform mit der Insel Sokotra, dem 'Sokotra-Horst', von dem Abd al-Kuri durch tiefere Gewässer isoliert ist (Fischer, Schott und Stramma 1996; Krupp, Apel und Zajonz 2002; Miller und Morris 2004; Cheung und DeVantier 2006; Krupp und Zajonz 2009).
Das Sokotra-Archipel besteht größtenteils aus präkambrischen Gesteinen und Sedimenten aus der Kreidezeit bis zum Känozoikum und kann in drei geomorphologische Zonen unterteilt werden: granitische Berge (Abb. 3a), Kalksteinplateaus (Abb. 3b) und überwiegend alluviale Küsten- und Inlandsebenen (Popov 1957, Gwynne 1968; in Krupp, Apel und Zajonz 2002). Das markante Relief der Insel Sokotra wird von den Haghir-Bergen im zentralen Norden dominiert, die aus einem peralkalischen Granitkern bestehen und sich bis auf 1.550 m ü. d. M. erheben. Karstplateaus auf 300-800 m werden von zahlreichen Wadis und unterirdischen Grundwasserleitern entwässert (Kossmat 1907; Kopp 1999; Fleitmann et al. 2004; Fediuk und Sebesta 2005), wobei Kalksteintafeln oft steile Küstenabhänge bilden (De Geest 2006). Die Küstenebenen sind besonders breit im Gebiet von Momi, einer riesigen Entwässerungsmündung im Norden, und dem Nogid, einem ausgedehnten trockenen, sandigen Gebiet im Süden (Kopp 1999; Cheung und DeVantier 2006).
Das Archipel, das in den nördlichen Tropen auf etwa 12 Grad Breite liegt, unterliegt einem maritim geprägten, marginal tropischen, ariden bis semi-ariden Klima (Kopp 1999), was durch einen mittleren jährlichen Niederschlag von 216 mm und eine mittlere Jahrestemperatur von 28,9 °C unterstrichen wird (im Zeitraum 2002 bis 2006, Scholte und De Geest 2010). Es wird stark von der innertropischen Konvergenzzone (ITCZ) und ihren Verschiebungen beeinflusst (Abb. 4), was zu wechselnden Monsunzeiten im nördlichen Indischen Ozean und den damit verbundenen Wind- und Niederschlagsmustern führt (Fleitmann et al. 2004; van Rampelbergh et al. 2013).
Die terrestrischen und marinen Ökosysteme unterliegen daher einer saisonal stark variablen Umgebung: dem schwachen und feuchten Winter- oder Nordostmonsun (November bis Februar), der von der Passage der ITCZ in südlicher Richtung eingeleitet wird, und dem kräftigen und trockenen Sommer- oder Südwestmonsun (Mai bis September), der von der Passage der ITCZ in nördlicher Richtung eingeleitet wird (Kemp 1998; Fleitmann et al. 2004; Klaus und Turner 2004; Fleitmann et al. 2007; Scholte und De Geest 2010; van Rampelbergh et al. 2013).
Wenn sich die ITCZ über der Arabischen Halbinsel stabilisiert, werden die Sommermonate von sehr starken, trockenen Südwestwinden dominiert. Wenn die ITCZ wieder nach Süden wandert, bringen die Wintermonate Nordostwinde von viel geringerer Intensität und Niederschlag überwiegend in die östlichen Teile (Naumkin 1993; Kopp 1999; Miller und Morris 2004; Cheung und DeVantier 2006). Der über einen Zeitraum von fünf Jahren auf ~440 m Höhe gemessene mittlere tägliche Jahresniederschlag betrug 1,1 mm, wies jedoch eine hohe Variation zwischen 0 mm und 208 mm auf. Die mittleren monatlichen Lufttemperaturen auf den Küstenebenen schwanken zwischen 23 °C und 35 °C zwischen den kühlsten (Dezember bis Februar) und den heißesten Monaten des Jahres (April bis Mai, gefolgt von März und November), mit mittleren jährlichen Minima von 17 °C bis 18 °C, mittleren jährlichen Maxima von 37 °C und täglichen Maxima von bis zu 43 °C (Mies und Beyhl 1998; Kopp 1999; Culek, M., Kral, K. et al. 2006).
Die Bevölkerungsgröße betrug im Jahr 2010 ~60.000 (Zajonz, Deodatus und Al-Harrani 2010; Scholte, Al-Okaishi und Suleyman 2011) und ist bis heute wahrscheinlich auf ~70.000-80.000 Einwohner gewachsen (UNEP 2015; Zajonz, persönliche Beobachtung); die große Mehrheit von ihnen konzentriert sich in den Küstengebieten der Insel Sokotra (Stein und Stein 1999; Miller und Morris 2004; Cheung und DeVantier 2006; Zajonz, persönliche Beobachtung). Die Bevölkerung Sokotras besteht traditionell aus zwei Gruppen: den „Bedu“ (oder Joboliyah), die als Hirten in den Bergen und im Inselinneren leben, und den „Shahriyah“, die die Küstenbevölkerung darstellen (Stein und Stein 1999; Morris 2002). Letztere sind auf eine produktive handwerkliche Fischerei angewiesen, die den Lebensunterhalt von etwa 5.000 Fischerfamilien sichert, also insgesamt 30.000 bis 40.000 Menschen (Nichols 2001; Reid et al. 2002; angepasst).
Geologische Geschichte und Biodiversität
Das Sokotra-Archipel ist eine kontinentale Inselgruppe, die eine Plattform bildet, welche auf der Kruste der Somali-Platte ruht (Fleitmann et al. 2004). Es war einst Teil des Gondwana-Kontinents und löste sich während der Kreidezeit etwa zur gleichen Zeit wie Indien und Madagaskar von diesem (vor 100-90 Millionen Jahren). Seit der Trennung der Arabischen Halbinsel von der Afrikanischen Platte im frühen Paläogen (vor 66-56 Millionen Jahren) hatte Sokotra auch keine terrestrische Verbindung zu Afrika. Vor Beginn des erneuten Rifting des Golfs von Aden im Oligozän bis Miozän, das vor ~31 Millionen Jahren begann, befand sich das Archipel in der Nähe der heutigen Hallaniyat-Inseln (Kuria Muria) an der Dhofar-Küste im Oman (Fleitmann et al. 2004; Bosworth, Huchon und McClay 2005). Möglicherweise seit 21-20 Millionen Jahren (Beydoun und Bichan 1970), mindestens jedoch seit ~15 Millionen Jahren während des mittleren Miozäns (Fleitmann et al. 2004) ist die Inselgruppe über dem Meeresspiegel geblieben und von allen umliegenden Festlandsküsten, einschließlich Arabiens, isoliert geblieben. Eine aufschlussreiche Zusammenfassung der geologischen Geschichte Sokotras findet sich in Cheung und DeVantier (2006).
Seine lange Geschichte geologischer Isolation und Abgeschiedenheit garantierte weiten Teilen seiner terrestrischen Flora und Fauna eine eigenständige Evolutionsgeschichte in Bezug auf Artbildung, Reichtum und Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften (Mies 1999; Wranik 1999; Cheung und DeVantier 2006; Krupp und Zajonz 2009). Das Archipel ist daher weltweit für seine beeindruckende Biodiversität und seinen hohen Endemismus bekannt, was 2003 zur Ausweisung der gesamten Inselgruppe als Biosphärenreservat durch die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) (Di Micco Santo und Zandri 2004) und 2008 als natürliches Weltnaturerbe (WHS) führte (Miller und Morris 2004; Scholte, Al-Okaishi und Suleyman 2011; Van Damme und Banfield 2011; UNESCO 2021).
Die öffentliche Wahrnehmung des Archipels als „Galapagos des Indischen Ozeans“ (Sohlmann 2004) scheint vor allem auf die Vielfalt seiner terrestrischen Ökosysteme anzuspielen. Die Küsten- und Meeresökosysteme (Abb. 5) sind jedoch ebenfalls sehr vielfältig und einzigartig (Krupp, Apel und Hariri 2002; Cheung und DeVantier 2006), wie in den Abschnitten 1.2.2 und 1.3.2-3 detailliert beschrieben wird.
Eine wesentliche Voraussetzung für die Ausweisung als Weltnaturerbe war die rechtliche Verkündung des Sokotra-Zonierungsplans für den Naturschutz (SCZP) im Jahr 2000 (Jemen 2000), der alle Küstengebiete einbezieht (Krupp und Klaus 2000). Das Archipel wurde auch in das regionale Netzwerk wichtiger Meeresschutzgebiete der PERSGA aufgenommen (Haddad et al. 2001; Gladstone, Krupp und Younis 2003). Im Jahr 2007 wurde die Diduah-Lagune (auch 'Detwah') auf der Insel Sokotra als erstes Ramsar-Gebiet des Jemen nominiert (UNESCO-Ramsar 2021). Das Archipel war das erste Meeres-Weltnaturerbe im arabischen Raum und ist bis heute eines von nur drei natürlichen Weltnaturerbestätten im Indischen Ozean (neben dem Aldabra-Atoll, Seychellen, und Sanganeb-Dungonab, Sudan) (Scholte, Al-Okaishi und Suleyman 2011; Van Damme und Banfield 2011; UNEP 2015).
Referenzen
- Beydoun, Z.R. & Bichan, H.R. (1970). The geology of Socotra Island, Gulf of Aden. Geological Society, London, S. 413-446, Tafeln 21-29.
- Bosworth, W., Huchon, P. & McClay, K. (2005). The Red Sea and Gulf of Aden basins. Journal of African Earth Sciences, 43, 334–378.
- Cheung, C. & DeVantier, L. (Hrsg.) (2006). Socotra. A Natural History of the Islands and Their People. Odyssey Books & Guides, Hong Kong, 393 S.
- Culek, M., Kral, K., Habrova, H., Madera, P., Pavlis, J. & Adolt, R. (2006). Socotra’s Annual Weather Pattern. In: Cheung, C. & DeVantier, L. (Hrsg.). Socotra. A Natural History of the Islands and Their People. Odyssey Books & Guides, Hong Kong, S. 42–45.
- De Geest, P. (Hrsg.) (2006). Soqotra Karst Project (Yemen), 2000-2004. Berliner Höhlenkundliche Berichte (20). Speläoclub Berlin, Berlin.
- Di Micco Santo, T. de & Zandri, E. (2004). Main features of the Socotra Archipelago and ongoing conservation efforts. Fauna of Arabia, 20, 9–26.
- Fediuk, F. & Sebesta, J. (2005). Winning process in the formation of slope-debris patterns of Soqotra Island, Yemen. Zprávy o geologichkych vyzkumech v roce (Geoscience research reports), 148–149.
- Fischer, J., Schott, F. & Stramma, L. (1996). Currents and transports of the Great Whirl-Socotra Gyre system during the summer monsoon, August 1993. Journal of Geophysical Research: Oceans, 101, 3573–3587.
- Fleitmann, D., Burns, S.J., Mangini, A., Mudelsee, M., Kramers, J., Villa, I. et al. (2007). Holocene ITCZ and Indian monsoon dynamics recorded in stalagmites from Oman and Yemen (Socotra). Quaternary Science Reviews, 26, 170–188.
- Fleitmann, D., Matter, A., Burns, S., Al-Subbary, A. & Al-Aowah, A. (2004). Geology and Quaternary climate history of Socotra. Fauna of Arabia, 27–32.
- Kemp, J.M. (1998). Zoogeography of the coral reef fishes of the Socotra Archipelago. Journal of Biogeography, 25, 919–933.
- Klaus, R. & Turner, J.R. (2004). The marine biotopes of the Socotra Archipelago. Fauna of Arabia, 20, 45–115.
- Kopp, H. (1999). Abiotische Geofaktoren. In: Wranik, W. (Hrsg.). Sokotra. Mensch und Natur. Dr. L. Reichelt Verlag, Wiesbaden, S. 3–22.
- Kossmat, F. (1907). Geologie der Inseln Sokotra, Semha und Abd el Kuri. Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, 71 (1), 1–62.
- Krupp, F. & Zajonz, U. (2009). Erforschung und Management der biologischen Vielfalt des Sokotra Archipels. Jemen-Report, 40, 49–54.
- Krupp, F., Apel, M. & Zajonz, U. (2002). Meeresbiologische Untersuchungen im Sokotra-Archipel (Jemen). Natur und Museum (Frankfurt am Main), 132, 273–294.
- Mies, B. (1999). Flora und Vegetation der Insel Sokotra. In: Wranik, W. (Hrsg.). Sokotra. Mensch und Natur. Dr. L. Reichelt Verlag, Wiesbaden, S. 23–80.
- Mies, B.A. & Beyhl, F.E. (1998). The Vegetation Ecology of Soqotra. In: Dumont, H. (Hrsg.). Proceedings of the First International Symposium on Soqotra Island: Present and Future, Aden 1996. United Nations Publications, New York.
- Miller, A.G. & Morris, M. (2004). Ethnoflora of the Soqotra Archipelago. Royal Botanic Garden, Edinburgh, i-xvi, 1-759.
- Naumkin, V.V. (1993). Island of Phoenix. An ethnographic study of the people of Socotra. Ithaca Press, Reading, 421 S.
- Nichols, P. (2001). UNDP-GEF Project Conservation and Sustainable Use of Biodiversity of Socotra Archipelago. Fisheries Management Plan for the Socotra Island Group, 130 S.
- Reid, A., Macfadyen, G., Grinyer, T. & Al-Sakaf, H. (2002). Socotra Archipelago Master Plan 2001-2010. WS Atkins International Ltd., 56 S.
- Scholte, P. & De Geest, P. (2010). The climate of Socotra Island (Yemen). Journal of Arid Environments, 74, 1507–1515.
- Scholte, P., Al-Okaishi, A. & Suleyman, A.S. (2011). When conservation precedes development. Oryx, 45, 401–410.
- Stein, L. & Stein, H. (1999). Die Bewohner der Insel Sokotra. In: Wranik, W. (Hrsg.). Sokotra. Mensch und Natur. Dr. L. Reichelt Verlag, Wiesbaden, S. 195–226.
- UNESCO (2021). World Heritage List. Socotra Archipelago. Online-Repository. Verfügbar unter: https://whc.unesco.org/en/list/1263
- Van Damme, K. & Banfield, L. (2011). Past and present human impacts on the biodiversity of Socotra Island (Yemen). Zoology in the Middle East, Supplementum 3, 31–88.
- van Rampelbergh, M., Fleitmann, D., Verheyden, S., Cheng, H., Edwards, L., De Geest, P. et al. (2013). Mid- to late Holocene Indian Ocean Monsoon variability. Quaternary Science Reviews, 65, 129–142.
- Wranik, W. (1999). Die Tierwelt der Insel Sokotra. In: Wranik, W. (Hrsg.). Sokotra. Mensch und Natur. Dr. L. Reichelt Verlag, Wiesbaden, S. 81–182.
- Zajonz, U., Deodatus, F. & Al-Harrani, G. (2010). Yemen Strategic Environmental Assessment of Coastal Zone Management. Bericht an die Weltbank und die Umweltschutzbehörde, Jemen.








